|
Wenige Tage nach ihrer Eröffnung im Foyer des Bozner Krankenhauses ist die Wanderausstellung "Das erschöpfte Selbst" vorzeitig abgebaut worden. Die Ausstellung zum Thema Depression erschien zahlreichen Besuchern des Krankenhauses aber auch etlichen Pflegern als zu deprimierend. Zu sehen waren abgtrennte, auf dem Boden liegende Beine einer Schaufensterpuppe sowie Videoinstallationen mit verbundenen Füßen oder das mit Pflastern verklebte Gesicht einer Frau.
Die interaktive Kunstausstellung "Das erschöpfte Selbst - Depression und Gesellschaft in der Gegenwart" wurde je zwei Monate im Krankenhaus Brixen und Bruneck gezeigt. Mit der Ausstellung will die "Europäische Allianz gegen Depression" Menschen auf das Thema Depression ansprechen und eine offene Auseinandersetzung mit der "Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts" fördern. In Brixen und Bruneck gab es angeregte Diskussionen und viele Fragen.
Die acht beteiligten Künstler sprechen zum Teil eine sehr deutliche Sprache, die auch persönliche Leiderfahrung einschließt. Vor allem aber legen sie den Betrachtern nahe, eigene Unsicherheiten aufzuspüren, und über ein schweres Thema nachzudenken. Zum andern steuern sie auch distanzierende, ästhetische und humorvolle Aspekte bei, die sich erst bei näherem Einlassen auf die Werke erschließen, und einen bewältigenden Umgang mit der Depression nahe legen.
"Es ist ja interessant, was wir jeden Tag an Bilderflut von Plakatwänden bis Fernsehnachrichten aushalten, jede Menge erotische Reizung und gewalttätige Erschütterung. Wir lernen bei tausend Gelegenheiten, einfach weiterzugehen, wegzusehen... offenbar ist das manchen im Eingangsbereich des Bozner Krankenhauses nicht möglich", wundert sich Roger Pycha, der wissenschaftliche Leiter der Europäischen Allianz gegen Depression in Südtirol.
Die Künstler hätten ihre Ausstellung vom Foyer in den Wintergarten verlegen können, lehnten dies jedoch ab, weil sich dort kaum jemand aufhält. "Wo hat das seelische Leid denn Platz im Krankenhaus? Im Eingangsbereich offenbar nicht. Es sollte dorthin verbannt werden, wo niemand hinfindet, damit es niemanden stört. Nicht nur psychisch Kranke werden ausgegrenzt. Auch alle kreativ entwickelten Hinweise auf ihre Existenz sollen verdrängt werden. Vielleicht nach dem Motto: Was gut versteckt ist, das gibt es nicht?", kommentiert Roger enttäuscht den Abbruch der Ausstellung.
"Bozen verdrängt, verbannt, schiebt ab", ärgert sich auch Hartmann Hinterhuber, Vorstand der Uni-Klinik für Psychiatrie in Innsbruck. Er prophezeit, dass das Abbrechen dieser Ausstellung sich wie ein Lauffeuer durch alle jene europäischen Regionen verbreiten wird, die im "Bündnis gegen die Depression" vereint sind. "Das Urteil über das Verhalten des Krankenhauses Bozen wird verheerend sein: unser Land wird in der internationalen Presse böse Schlagzeilen machen, die noch um vieles peinlicher sein werden, als jene, die wir in verschiedenen Tageszeitungen derzeit wahrgenommen haben", ist Hinterhuber überzeugt. "Die Künstler, die diese beeindruckende Ausstellung gestaltet haben, arbeiten für ein Mehr an Toleranz und Verständnis, für ein Mehr an Menschlichkeit und Wärme. Ist Bozen psychisch Kranken gegenüber wirklich so intolerant und verständnislos, so unmenschlich und kalt?",wundert sich Hinterhuber.
Von Alexa Bellutti
27.01.2006 16:24 |
|