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Im Interview mit Lisa Fischer: "Da wird ganz bewusst vertuscht"

Lisa Fischers Buch "Irgendwo" heizt die Debatte über die Restitution in der NS-Zeit enteigneter Kunst an.

Lisa Fischer
Bild: Schweiger

TT: Sitzt der Wiener Sammler und Museumsdirektor Rudolf Leopold auf Raubkunst?

Lisa Fischer: Ich würde sagen, dass es in der Leopold-Stiftung auf jeden Fall das Bild "Frau in Unterwäsche" von Egon Schiele gibt, dessen Provenienz nicht richtig ausgewiesen ist. Denn dieses stammt ohne jeden Zweifel aus der Sammlung von Heinrich Rieger.

TT: Und Sie folgern nun daraus, dass es Rudolf Leopold auch bei anderen Bildern aus seiner privaten Sammlung bzw. aus dem Museum Leopold mit der Provenienz nicht so genau nimmt?

Fischer: Ja schon. Denn wenn Leopold als Sammler und profunder Kenner von Egon Schiele ernst genommen werden will, musste er von der Provenienz eben dieses Bildes aus der Sammlung Rieger wissen. Gibt es doch auch Filmrollen, auf denen diese Sammlung zu sehen ist, und diese befinden sich im Besitz von Leopold. Für mich ein letzter Beweis dafür, dass die Provenienzforschung im Museum Leopold nicht korrekt arbeitet.

TT: Das dürfte sich ja bald ändern, da Kulturministerin Claudia Schmied im Zug der Egger-Lienz-Ausstellung, in der einige Bilder mit zweifelhafter Vergangenheit hängen, der Stiftung Leopold unabhängige Provenienzforscher vorschreibt.

Fischer: Ja, daran ist auch sehr viel Hoffnung geknüpft. Aber es ist auch kein Geheimnis, dass sich in der Privatsammlung von Leopold Arbeiten aus der Sammlung Rieger befinden. 2006 wurden bei Sotheby's in London anonym zwei Bilder aus der Rieger-Sammlung eingebracht und vor der Auktion wieder zurückgezogen, als die dubiose Provenienz der Arbeiten ruchbar wurde. Und ich weiß, dass dieser Einbringer Rudolf Leopold war.

TT: Das alles ist in Ihrem soeben erschienenen Buch zu lesen, in dem Sie die Geschichte der Sammlung Rieger erforschen.

Fischer: Ich verstehe mein Buch als Appell, um dieses historische Unrecht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Um über Erkenntnis vielleicht Akte der Redlichkeit zu provozieren. Könnte jemand wie Rudolf Leopold auf diese Weise doch Ruhm und Ehre ernten.

TT: Allerdings scheint bei Leopold das Unrechtsbewusstsein nicht sehr stark ausgeprägt zu sein. Steht seiner Meinung nach in seiner Sammlung ohnehin alles zum Besten.

Fischer: Das ist traurig, aber genauso ist es. Und damit steht auch das Renommee Österreichs auf dem Spiel.

TT: Warum gehen eigentlich die rechtmäßigen Erben bzw. die Nachkommen enteigneter Sammler nicht mehr auf die Barrikaden?

Fischer: Das hat mit tief sitzenden Traumata zu tun, ist schwierig, anstrengend und nervenaufreibend.

TT: Sie erforschen in Ihrem Buch speziell die Sammlung Rieger. Ist diese nicht auch auf etwas zweifelhafte Art und Weise zustande gekommen, indem sich der Zahnarzt Rieger seine Leistungen mit Kunst bezahlen ließ?

Fischer: Das ist ein Mythos, der so nicht stimmt. Rieger war ein leidenschaftlicher Sammler zeitgenössischer Kunst, der diese ganz regulär gekauft hat. Außerdem war Schiele damals durchaus erschwinglich, er war als Pornograph umstritten, seine Kunst war absolute Avantgarde.

TT: Heinrich Rieger war Jude und musste sich in der NS-Zeit von seiner Sammlung trennen.

Fischer: Es ist ihm gelungen, etwa 200 der 700 Arbeiten seiner Sammlung an Luigi Kasimir zu verkaufen. Sie wurden nach dem Krieg restituiert. Und 26 der qualitativ hochwertigen Bilder hat der Galerist Friedrich Welz - ein treuer Diener des Nationalsozialismus - gekauft. Und dies zu einem schlechten Preis. Auch ein Teil von diesen wurde restituiert. Der Rest ist verschollen. Ist sicher nicht nur in der Sammlung Leopold, sondern in Sammlungen auf der ganzen Welt gelandet. In welchen Schattensammlungen, kann ich nur vermuten. Auf diesbezügliche Anfragen habe ich nie Antworten bekommen. Und dass die Reaktion auf mein Buch so vehement ausfällt, hat sicher damit zu tun, dass da ganz bewusst vertuscht wird.

TT: Da gibt es also mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch sehr viel aufzuklären.

Fischer: Ja, und es geht mir nicht darum, Barrieren aufzubauen, sondern das Unrechtsbewusstsein zu schärfen. Auch bei den Galeristen und den Auktionshäusern. Geht es hier doch um sehr viel Geld. Und natürlich ist mein Buch auch ein Appell an die Politik zu handeln.

Das Gespräch führte Edith Schlocker

 


08.05.2008
   


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